Koan-Arbeit
Die Frage nach Leben und Tod
In unserer Zen-Tradition wird das Sitzen (Shikantaza) auch mit Koan-Arbeit kombiniert, dem Fragen und Suchen von Herz-Geist. Durch das Suchen und Fragen wird der Herz-Geist geöffnet und durch diese Öffnung kann die ganze Welt eintreten.
Mehr als die Suche nach Wohlbefinden sind es die ultimativen Fragen, die des Herz-Geistes Suchen sind: Was ist der Sinn meines Lebens? Wohin gehe ich nach dem Tod? Was ist real? Wer bin ich? Wie kann mein Herz Frieden finden? Warum das Böse?
Es bist nicht so sehr Du, der/die die Fragen stellt; es ist das Leben, das Dich befragt. Zuhören und Artikulieren sind die Grundlage des spirituellen Lebens.
Deine Fragen, die sich in Deinem Herzen rühren und darin enthalten sind, können zu fokusierter Aufmerksamkeit werden und Dein Zazen und den spirituellen Weg mit Energie versorgen. Dies kann nur im Dialog mit anderen Menschen und der Welt geschehen. Antworten aus Büchern, Autoritäten, Schriften – all dies sind nur Finger, die auf den Mond zeigen, aber nicht der Mond selbst; sie können Dein Herz und Deinen Geist nicht wirklich erfüllen.
Das Suchen und Verlangen des Herz-Geistes kann nur im Unbekannten erfüllt werden, wo die Fragen verstummen. Es ist die Stille der Fülle. Das Selbst ist im Mysterium der Gnade verschwunden. Dies muss in menschlichen Beziehungen und in der Welt verwirklicht werden und muss im Zwischenraum menschlicher Beziehungen und in der Realität der Welt anerkannt und bejaht werden.
„Lass deinen Geist hervortreten, während du nirgends verweilst.“
Koan-Geschichte
Zen-Koans waren ursprünglich solche Lebensfragen. Solche Fragen und das Suchen sind grundlegend für jeden authentischen spirituellen Weg, aber Zen hat sie zu einer großen Kunst verfeinert. Alles wurde zu einer solchen Sprache, nicht nur Worte. Paradoxe, unlogische, seltsame Verwendung solcher Sprache wurde zum Markenzeichen des Zen. Alles entsprang der Erkenntnis, dass Worte die Realität nicht erfassen können, dass das Unaussprechliche und Unausdrückbare nur dargestellt werden kann, dass die drängendste Frage war, wie man die Realität hier und jetzt erkennt, Befreiung und Selbsttransformation erreicht.
Zugänge zur Koan-Praxis
Ein Mönch fragte einen Zen-Meister: „Wie sah das ursprüngliche Gesicht vor meiner Geburt aus?“
Der Zen-Meister antwortete: „Schau es dir an!“
Der Mönch sah sich um, sah aber nichts.
Der Zen-Meister sagte: „Das ist es.“
„Das ursprüngliche Gesicht“ – das Gesicht, bevor Du von Deiner Mutter und Deinem Vater auf die Welt gebracht wurdest. Was ist es?“
„Dein ursprüngliches Gesicht/Selbst“ ist ein bekanntes Koan. Es ist in der Koan-Sammlung des Mumonkan der Fall Nr. 23. Es stellt Dir die grundlegende Frage: Wer bist Du wirklich und letztendlich?
Bist Du nur ein Ding der Welt, das heute kommt und morgen verschwindet? Bist Du nur Deine Geschichte, Dein sozialer Status und Deine physische Form oder bist Du mehr als diese? Oder bist Du nur Deine Beziehungen, Lieben und Freundschaften? Wer Bist Du vor der Welt, vor anderen und für Dich selbst?
Dieses Koan weist auf die Idee hin, dass das ursprüngliche Gesicht vor der Geburt nichts Äußeres oder Greifbares ist. Es ist die Essenz unseres Seins, unsere wahre Natur, die immer präsent und unveränderlich ist. Es ist nichts, was wir außerhalb von uns selbst finden können; es ist in uns und wartet darauf, erkannt zu werden. Das Koan fordert Dich heraus, Dein formloses Selbst, Dein ursprüngliches Gesicht zu erkennen: aber das formlose Selbst ist nichts anderes als die Form dieses Selbst hier und jetzt. Die Erkenntnis der Leere ist zentral beim Erwachen – es ist das Erwachen zur Erkenntnis der Unbegreiflichkeit und des Mysteriums des eigenen Selbst sowie der gesamten Realität; aber in erster Linie von sich selbst als leer; und als eins mit der ganzen Welt. Form ist Leere, Leere ist Form.(Ama Samy)
